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Schilfröhricht als Lebensraum

Schilfrohr ist unsere größte einheimische Grasart.
Foto: Biostation


Drei große Schilfgürtel prägen nachhaltig die Wertigkeit der Rieselfelder Windel: entlang des Reiherbaches, zwischen der Biologischer Station und der Siedlung Windflöte und entlang des Lohmannswegs. Sie waren ursprünglich künstlich angelegter Bestandteil der Kläranlage Rieselfelder Windel, heute sind sie wertvolle Elemente der Reservatsfläche.

 

Auf den ersten Blick scheinen die Schilfzonen langweilig und gleichförmig zu sein. Dominierende Pflanze ist ein Gras, das Schilf (Phragmites australis). Die Schilfpflanzen stehen so dicht, dass andere Pflanzen nicht aufwachsen können und Schilfbestände so zu den wenigen natürlich vorkommenden nahezu artreinen Pflanzenbeständen (Monokulturen) gehören. Im Durchschnitt stehen 65 bis 90, etwa 2,50 m hohe Schilfhalme auf einem Quadratmeter. Da jeder Halm wiederum etwa sechs Blätter ausbildet, werden pro qm Boden ca. 6 qm Blattfläche gebildet.

 

Über die Blätter verdunstet Schilf etwa 1000 Liter Wasser pro qm in der Vegetationsperiode. Die hohe Verdunstungsleistung macht verständlich, warum die Pflanze vorzugsweise auf halb überschwemmten Standorten wächst. Das Vier- bis Fünffache der oberirdisch sichtbaren Pflanzenmasse verbirgt sich als Wurzelstock- und Wurzelgeflecht unter der Wasser- bzw. Schlammoberfläche. Diese unterirdischen Organe waren mit ihren aufsitzenden Mikroorganismen (Bakterien und Einzellern) für die Klärung des Windelschen Abwassers verantwortlich. Die Schilfpflanze liefert dabei einen Teil des zum Abbau der Schadstoffe notwendigen Sauerstoffs.

 

Hochspezialisierter Kletterkünstler im Schilf- wald: Der Teichrohrsänger. Foto: Limbrunner

Erst auf den zweiten Blick eröffnen sich die Besonderheiten des Schilfröhrichts: hoch angepasste Tierarten, die in anderen Lebensräumen nicht vorkommen. Der Teichrohrsänger gehört zu diesen Besonderheiten. Teichrohrsänger sind speziell an das Leben im Schilfwald angepaßt. So sind sie in der Lage, mit ihren Füßen die senkrechten Halme zu umfassen und an ihnen auf und ab zu steigen. Das Nest wird kunstvoll zwischen mehrere Halme geflochten und so elastisch aufgehängt, dass es auch bei starkem Wind nicht zerstört wird. Auch die Wasserralle gehört zu den typischen Schilfbewohnern. Sie läuft auf den am Grund liegenden, abgestorbenen Halmen durch den Schilfwald; mit ihrem seitlich abgeflachten Körper ist sie gut an den dicht stehenden Pflanzenbestand angepaßt. Die Rohrweihe nutzt den Schilfwald als Brutplatz.

 

Neben den auffälligeren Vogelarten lebt vor allem eine große Zahl von Kleintieren im Röhricht. Einige von ihnen sind so eng ans Schilf gebunden, dass sie nur dort vorkommen. Bestimmte Blattläuse, Schildläuse, Zweiflügler, z.B. einige Gallmücken und Halmfliegen, sowie bestimmte Schmetterlinge, z.B. der Rohrbohrer und die Rohreule, gehören hierzu. Die jeweiligen Arten ernähren sich vom Schilf, indem sie das Gewebe fressen oder den Pflanzensaft saugen, und vielfach nutzen sie die Schilfpflanze, z.B. den hohlen Halm, auch als Wohnstätte, als Jugendstätte oder zur Überwinterung.

 

Auch das Wasser des Röhrichts und der Wurzelstock- und Wurzelraum bietet einer großen Artenzahl Lebensraum, z.B. Schlammschnecken, Posthornschnecken, Köcherfliegen, Zuckmücken, Wasserasseln oder Rädertierchen. Die meisten dieser Tiere hängen aber nicht im gleichen Maße unmittelbar vom Schilf ab wie die vorher genannten Arten.

 

Schilf ist eine alte Nutzpflanze, von der vor allem die Halme oberhalb der Wasseroberfläche verwendet werden können: zur Abdeckung von Häusern und Ställen, zur Herstellung von Wandbekleidungen, als Material für Isolier- und Füllplatten, als Holzersatz sowie als Ausgangsmaterial für die Dünger- und Papierherstellung. Auch für die chemische Industrie liefert Schilf Grundstoffe. Das Röhricht der Rieselfelder Windel wird allerdings nicht wirtschaftlich genutzt: es stellt auch in der kalten Jahreszeit ein wertvolles Rückzugsbiotop für überwinternde Vogelarten dar, z.B. für Wasserrallen und Rohrammern.

 

Die vertikale Verteilung sowie die Vielfalt der Röhrichtbewohner zeigt folgende Skizze:

Entnommen aus: Wolfgang OSTENDORF: Schilf als Lebensraum, Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 68, 1993, S. 186

   
 
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