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Industriegeschichte der Rieselfelder Windel

1. Scherpels Bleiche (1832 – 1852)

Das Naturreservat „Rieselfelder Windel“ hat sich an einem der ältesten Firmenstandorte Bielefelds in einer langen Entstehungsgeschichte entwickelt, die ihren Ausgang 1832 in der Leinenbleiche des Bauers Heinrich Christoph Scherpel auf den Reiherbachwiesen (damaliger Name Strothbach, auch Ramsbach genannt) nahm.

 

Der direkt am Reiherbach („vorzügliche Wasserverhältnisse“) gelegene Hof Scherpel (später: Hof Windel) war damals mit 406 Morgen der zweitgrößte Hof der Bauerschaft Senne I. Scherpel baute die Wassermühle zur Seifmühle aus, planierte mit Dünensand eine 12 Morgen (ca. 3 ha) große Fläche und baute dort neben einem Wohnhaus 3 Waschhäuser, Klopf-, Koch- und Waschschuppen. Der Bleichplan war mit Gräben durchzogen, die ihr Wasser aus dem Reiherbach erhielten.

 

Die Leinenstücke wurden zunächst mit Aschenlauge gekocht, eingeseift, auf dem Bleichplan ausgelegt (dem Sonnenlicht ausgesetzt und dabei ständig mit dem Wasser des Reiherbaches feucht gehalten), mit saurer Milch (später mit Vitriol) behandelt (gesäuert) und zuletzt im Bachwasser gespült (ob dies danach immer noch „vorzüglich“ war?). Die Arbeitsgänge wurden je nach Witterung und dem gewünschten Weißegrad wiederholt. Neben Hausleinen wurde zunehmend auch feineres Leinen von Bielefelder Kaufleuten gebleicht. Zuletzt arbeiteten ca. 20 Saisonarbeiter in der Bleiche (etwa von März bis November).

 

Parallel gründete und betrieb der offenbar geschäftstüchtige Bauer Scherpel übrigens unweit der Bleiche ein Heilbad (mit Gastwirtschaft) gegen Rheuma, Gicht und Ischiasleiden, dessen Quellwasser auf der Bleiche erwärmt und in Wannen und Bottichen zu Wasser-, Schlamm- und Schwefelbädern verabreicht wurde. Der Schlamm wurde dem nahe gelegenen Teich sowie Moorstellen der Umgebung entnommen. Das Bad wurde bis 1872 betrieben, die Quelle ist heute zugeschüttet und von Betriebsgebäuden überbaut.

 

Entnommen aus: H. Schmidt: Hundert Jahre Arbeit - Hermann Windel G.m.b.H. Windelsbleiche. Bielefeld 1933.

2. Kiskers Bleiche (1852 – 1872)

Leinen auf Bleichpfählen. Entnommen aus: H. Schmidt: Hundert Jahre Arbeit - Hermann Windel G.m.b.H. Windelsbleiche. Bielefeld 1933.

Die Bleiche wurde 1851 vom Bielefelder Fabrikanten und Leinenhändler A.W. Kisker aufgekauft, auf ca. 36 Morgen vergrößert und zum Bleichen eigener Erzeugnisse (Leinen und Damast der Weberei Kisker) sowie Stoffe fremder Kunden in Lohnarbeit genutzt. Hinzu kam eine Garnbleiche (1865 wurden bereits 60 Tonnen Garn veredelt) und eine Dampfanlage mit Dampfmaschine. Zwei Fabrikgebäude bildeten jetzt die Bleiche. Kisker setzte auch erstmals Chlor zur Verbesserung des Bleichegrades ein.

3. Windels Bleiche (seit 1872)

Luftaufnahme der Firma Windel

Im Dezember 1872 übernahm Hermann Windel die Bleiche für 37.500 Taler. Er entstammte einer traditionsreichen Färberfamilie aus Rahden, die bereits seit 100 Jahren in Bielefeld Färbereien und Appreturanstalten betrieb. Die „Bleicherei und Appreturanstalt Hermann Windel, Brackwede“ entwickelte sich nach den Kriegsjahren 1870/71 sehr lebhaft.

 

1894 starb Hermann Windel, sein ältester Sohn Gustav Windel übernahm die Betriebsleitung 1896. Er führte mit der „Winterbleiche“ den Dauerbetrieb ein und erweiterte ihn u.a. durch Aufnahme der Baumwollbleiche und -veredelung im Jahr 1902. Nach und nach wurden die ehemaligen Bleichwiesen mit Betriebsgebäuden überbaut.

 

Allerdings reichte die Wasserführung des Reiherbaches für den vergrößerten Betrieb bald nicht mehr aus, sodass ab 1903 zusätzlich mehrere Brunnen gebaut wurden. Wasserwirtschaftliche Gründe (Sicherung zusätzlicher Brunnen, aber auch Klagen von Unterliegern wegen der Bachverschmutzung) führten 1905 zum Kauf des Hofes Scherpel, ab 1928 weiterer Nachbarhöfe.

 

Im 1. Weltkrieg wurde neben einer modernen Färberei (1917) auch eine maschinelle Flachsaufbereitung (zur Begegnung des Rohstoffmangels) sowie eine Ölpresse errichtet, deren beider Betrieb aber 1926 wieder eingestellt wurde. Im gleichen Jahr entstand der Windelsche Wasserturm zur Sicherstellung der Wasserversorgung. Der Turm, Bestandteil des Stiftungslogos, wurde zum Wahrzeichen für den Bielefelder Süden und ist heute Industriedenkmal mit dem unverändert ursprünglichen Nutzungszweck. In den 30er Jahren kamen Kunstseidenausrüstung, Sanforisierung und Gewebedruck hinzu.

 

1938 richtete die Firma Windel zur Reinigung ihrer Abwässer aus der Textilverarbeitung Rieselfelder ein: Grünlandflächen, auf denen Abwasser verrieselt, versickert, in Drainagen wieder aufgefangen und nach dieser Bodenpassage in den Reiherbach eingeleitet wurde („Abwasserlandbehandlung“). Dazu wurden die ehem. landwirtschaftlichen Flächen der Höfe Scherpel (heute: Windel), Brinkmann (später: Lohmann), Ortmann (heute: Informationszentrum und Biologische Station) sowie Toppmann übernommen und umgestaltet. Zeitweilig nahmen die Rieselfelder über 100 ha Fläche ein und umfassten auch große Bereiche östlich der Buschkampstraße.

 

Mit dem Aufkommen der Synthetikfasern in den 50er Jahren erreichte das mittlerweile in der dritten Generation geführte Unternehmen seinen größten Umfang und beschäftigte 1.800 Mitarbeiter. 1959 trat Friedrich Meyer-Stork in die Geschäftsleitung ein. Infolge des Strukturwandels der deutschen Textilwirtschaft aufgrund internationaler Konkurrenz durch Länder mit geringeren Produktionskosten ergaben sich in den Folgejahren auch für die Windelsbleiche notwendige Anpassungsmaßnahmen.

 

In den 90er Jahren wurde dennoch eine neue Kläranlage gebaut und das Konzept des „Öko-Tech-Parks“ entwickelt. Auf dem erschlossenen Industrie-standort mit eigener Wasserver- und -entsorgung sowie einem modernen Kraftwerk erfolgte in Ergänzung zu dem kleiner gewordenen Textilbereich die Ansiedlung zahlreicher neuer Unternehmen, die von der vorhandenen günstigen Infrastruktur profitierten.

 

Die TVW Textilveredlungs- und Handelsgesellschaft Windel mbH ist heute unter der Leitung von Dr. Sebastian Meyer-Stork, dem Ururenkel des Firmengründers, ein zeitgemäßer Produktionsbetrieb für das Bleichen, Färben, Ausrüsten, Beschichten und Kaschieren etc. von bahnförmigen Textilien mit einem Jahresausstoß von ca. 15 Mio. Laufmetern. TVW zählt damit unverändert zu den großen unabhängigen Auftragsveredlern in Deutschland. Die Kunden – Flächenhersteller, Handelsunternehmen und Weiterverarbeiter – sind in erster Linie im deutschsprachigen Raum ansässig.

 

140 Mitarbeiter, davon 9 % Auszubildende, erwirtschaften so einen Umsatz von ungefähr 10 Mio. EUR, überwiegend ohne den Materialwert der bearbeiteten Ware. Das Veredlungsprogramm umfasst Web-, Maschen- und Vliesartikel aus cellulosischen (v. a. Baumwolle, Viskose, Leinen) und synthetischen (v. a. Polyester, Polyamid, Elastan) Fasern sowie deren Mischungen. Die ausgerüsteten Stoffe kommen im gesamten Spektrum textiler Anwendungen, d. h. als Oberbekleidung, Miederstoffe, Bekleidungszubehör (Einlage- und Futterstoffe), für technische Anwendungen (Beschichtungsträger, Automobilzubehör, Spezialprodukte etc.), sowie für Heim- und Haustextilien zum Einsatz. Veredlung im innovativen Sinne der Funktionalisierung von Oberflächen spielt dabei eine immer größere Rolle.

 

Die Geschichte der Firma Windel bis Ende der 1980er Jahre beschreibt Waltraud Sax-Demuth in ihrem Beitrag "Von der Leinenbleiche zur Textilausrüstung" in dem Buch "Bielefeld Senne Band 2" (Hrsg. H. Wasgindt & H. Schumacher, Westfalen-Verlag 1989, s. Scan als Download rechts mit frdl. Genehmigung des Verlags).

 

(Stand 2007)

 

 

Download

SAX-DEMUTH-1989.pdf

Waltraud Sax-Demuth: Von der Leinenbleiche zur Textilausrüstung (aus: Bielefeld Senne Band 2, Westfalen Verlag 1989)

   
 
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