Title: Winter

Winter in den Rieselfeldern

Die Natur scheint erstarrt - ist sie es wirklich?
(Foto Biostation)


Ein Winterspaziergang durch die Rieselfelder: Genießen Sie die ruhige Stimmung, die warmen Brauntöne der Stauden und Grasfluren, das Rauschen des Windes im Altschilf, die filigranen Kunstwerke aus Tau und Reif in den Dolden und Rispen. Die Pflanzenwelt ist erstarrt, bietet aber in der tief stehenden Sonne dennoch Fotomotive von besonderem Reiz.

 

Doch Sie werden auch Leben antreffen und durchaus – oder gerade - im Winter interessante Beobachtungen machen. Als regelmäßige Wintergäste sammeln sich bis zu 30 Tafelenten auf dem Großen Schönungsteich. Erst wenn dieser zufriert, fliegen sie zu eisfreien Talsperren oder Flussauen weiter. Ebenso können von der Niederheide aus Zwergtaucher im schlichten Winterkleid beobachtet werden sowie weitere Entenarten, deren Erpel bereits seit Herbst wieder ihr Prachtkleid tragen und nun heftig um Weibchen werben.

 

Mit etwas Glück trifft man auch versprengte Singschwäne an, die aus der arktischen Tundra kommen und bei uns überwintern, solange das Wetter mild bleibt. Die meisten dieser scheuen Wintergäste steuern das Tiefland oder große Gewässer wie den Bodensee an; Begegnungen mit ihnen in Bielefeld zählen zu den großen Besonderheiten. Sie grasen zumeist auf den zentralen ruhigen Grünlandflächen, wo auch die Graureiher nach Mäusen Ausschau halten. Diese „grauen Eminenzen“ leiden in strengen Wintern große Not und verhungern dann nicht selten, weil sie nicht in wärmere Zonen ausweichen.

 

Die Wasserralle bleibt im Winter erstaunlich lange in den Schilfwäldern und kann dann gelegentlich besser ausgemacht werden als in der dichten Sommervegetation. Vielleicht wird sie durch das wärmere Abwasser begünstigt, in dem Würmer und Schnecken länger verfügbar bleiben. Erst bei strengem Frost weicht die Ralle in südliche und westliche Richtungen aus, um nicht zu verhungern. Auch ihre beiden Verwandten, Bless- und Teichralle, können ganzjährig beobachtet werden, solange die Teiche nicht zufrieren.

 

Unter den Kleinvögeln sind ebenfalls interessante Besonderheiten unter den Wintergästen zu erwarten, die in den Rieselfeldern im Sommer nicht angetroffen werden können. Dazu zählen die Bergpieper, die sich regelmäßig in kleinen lockeren Trupps an den Ufern der Blänken aufhalten.

 

Selten sind dagegen die hübschen Bartmeisen: Die streng an größere Schilfbestände gebundenen zutraulichen Vögelchen besuchen bei ihren winterlichen Streifzügen gelegentlich die Rieselfelder, bleiben aber zumeist nicht lange. Während sie im Sommer Insekten und Spinnen als Nahrung bevorzugen, stellen sie sich im Winter weitgehend auf die Samen der Schilf- und Rohrkolben-Fruchtstände um. Vogelfreunde warten sehnlichst darauf, dass ein Paar dieser anmutigen Art die Rieselfelder als Brutrevier auswählen möge.

 

Standvögel wie Meisen, Grünfinken, Amseln, Kernbeißer, Feldsperlinge oder auch Spechte suchen oft an den Hofstellen nach Nahrung. Meisen nutzen darüber hinaus gerne die Puppen der Schilf-Halmfliege, die Verursacher der so genannten „Schilfzigarren“: Die meisten dieser charakteristischen Gallen sind im Frühjahr angepickt und ausgeräubert. Die Rohrammern, die ebenfalls in den meisten Jahren ganzjährig bei uns bleiben, ernähren sich winters überwiegend von den Schilfsamen, die in den reichen Rispen lange verfügbar sind.

 

Winterfest: Die weißen Heidschnucken fühlen sich auch im Schnee draußen wohl (STELZERfoto)

Ganz generell sind Hochstaudenbestände, die nicht abgemäht wurden, wichtige Rückzugsbereiche für Kleinsäuger und Überwinterungsstadien der Kerbtiere und bieten damit zusammen mit ihren Samen vielen Vögeln die (über-)lebenswichtige Winternahrung. Finken und Meisen sind hier gerne zu Gast. Als einzige ostwestfälische Libelle überdauert die Gemeine Winterlibelle die Frostperiode in geschützten Hochstaudenbereichen.

 

Die wetterfesten "Weißen Gehörnten Heidschnucken" trotzen um diese Jahreszeit der Witterung. Schnee und Frost schaden ihnen nicht. Erst bei fester Schneedecke werden sie zugefüttert.

 

So bieten die Rieselfelder in der kalten Jahreszeit viele Beobachtungsmöglichkeiten, so dass sich ein Besuch bei entsprechendem Wetter durchaus lohnt. Und wer die Blicke lieber in die Ferne schweifen lässt, findet in klaren Winternächten besonders gute Bedingungen für die Sternbeobachtung. Denn das Streulicht ist hier deutlich schwächer als in der „lichtverschmutzten“ Großstadt. Und vielleicht ist die Vielzahl der sichtbaren Sterne ein Anlass darüber nachzudenken, wie einmalig die Lebensvielfalt auf unserem Planeten doch ist, und welch große Verantwortung wir für ihre Erhaltung tragen.